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Neue Studie "From TikTok to Telegram": Das hilft wirklich gegen Desinformation

15.06.2026

ATHENE-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler aus der Forschungsgruppe PEASEC der TU Darmstadt haben eine neue Studie veröffentlicht: "From TikTok to Telegram: Cross-Platform Efficacy and User Acceptance of Erroneous and Flawless Misinformation Interventions". Die Studie wurde auf der diesjährigen ACM CHI vorgestellt. Die Ergebnisse dieser Studie fließen in das ATHENE-Projekt CYNTRA ein. Wir haben mit einer der beteiligten Wissenschaftlerinnen, Katrin Hartwig, über die Ergebnisse gesprochen.

ATHENE: Was war das Ziel eurer Studie?

Katrin Hartwig: Wir wollten untersuchen, wie Nutzende von sozialen Medien am besten dabei unterstützt werden können, Desinformation oder Fehlinformation zu erkennen. Es ist nicht realistisch, dass problematische Inhalte zuverlässig und rechtzeitig gelöscht werden. Unser Ziel ist daher vielmehr, dass Menschen lernen, selbst informierte Entscheidungen zu treffen. Dabei haben wir sowohl Desinformation als auch Fehlinformationen, also falsche Informationen, die aber aus Versehen verbreitet werden, untersucht.

ATHENE: Warum war eine neue Studie notwendig?

Katrin Hartwig: Ein Großteil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf textbasierte Inhalte und Plattformen wie Twitter, also jetzt X, oder Facebook. Weniger untersucht sind dagegen Bild- und Videoinhalte, z.B.  auf TikTok, sowie Sprachnachrichten. Gerade Sprachnachrichten spielen aber beispielsweise in Telegram-Kanälen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Desinformation. Wir wollten deshalb wissen, ob bekannte Gegenmaßnahmen auch auf unterschiedlichen Plattformen und in verschiedenen Medienformaten funktionieren.

ATHENE: Wie habt ihr die Studie aufgebaut?

Katrin Hartwig: Wir haben verschiedene sogenannte Interventionen, also Reaktionen auf Desinformation, mit­ei­nan­der verglichen. Dazu gehörten professionelle Faktenchecks, Community Notes sowie weitere Ansätze, die Nutzenden konkrete Hinweise geben, worauf sie bei der Bewertung von Inhalten achten können. Insgesamt haben 1.004 Personen an der Studie teilgenommen.

ATHENE: Was unterscheidet eure Studie von früheren Untersuchungen?

Katrin Hartwig: Viele bisherige Studien gehen davon aus, dass Faktenchecks oder andere Interventionen fehlerfrei funktionieren. Das ist jedoch unrealistisch. Ob Menschen oder KI-Systeme – Fehler sind unvermeidbar. Deshalb haben wir untersucht, wie sich die Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze verändert, wenn sie nicht perfekt arbeiten.

ATHENE: Und was kam dabei heraus, was zeigte die Studie, wenn Faktenchecks und andere Warnhinweise Fehler machen?

Katrin Hartwig: Ein zentrales Ergebnis unserer Studie war, dass die Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit von Desinformations-Interventionen eben sehr stark davon abhängen, wie zuverlässig sie arbeiten. Unter idealen Bedingungen hat sich gezeigt, dass besonders Faktenchecks und Indikatoren gut funktionieren. Problematische Inhalte, die mit diesen Hinweisen versehen waren, wurden von den Studienteilnehmenden als deutlich weniger glaubwürdig eingestuft. Community Notes zeigten auch einen Effekt, aber dieser fiel schwächer aus.

Aber sobald wir mit fehlerhaften Varianten gearbeitet haben, also sobald die Interventionen nicht mehr zuverlässig arbeiteten und gelegentlich falsche Einschätzungen lieferten, verschwand ihr positiver Effekt vollständig. Unser zentrales Ergebnis ist deshalb, dass die Qualität und Genauigkeit der Interventionsmaßnahmen entscheidend sind für ihre Wirksamkeit.

ATHENE: Spielt auch die Plattform selbst eine Rolle?

Katrin Hartwig: Überraschenderweise hat unsere Studie ergeben, dass die Plattform selbst – also ob es sich um TikTok, Telegram oder X handelt – wenig Einfluss auf die Wirksamkeit der unterschiedlichen Interventionen hatte. Diese funktionierten grundsätzlich platt­form­über­greifend ähnlich. Entscheidend war also nicht die Plattform selbst, sondern ob die jeweilige Maßnahme verlässlich funktionierte oder nicht. Für die Praxis bedeutet das: Etablierte Maßnahmen wie Faktenchecks oder KI-gestützte Warnungen schaffen bisher nur dann Vertrauen, wenn Nutzende den Eindruck haben, dass die Kennzeichnungen vollständig korrekt sind. Wir müssen jedoch Wege finden, um mit den unvermeidbaren Fehlern umzugehen.

ATHENE: Können die Ergebnisse direkt in die Praxis einfließen?

Katrin Hartwig: Wir haben unsere Studienergebnisse bereits auf der ACM CHI vorgestellt, und Plattformen verfolgen solche For­schungsergebnisse durchaus aufmerksam. Aber natürlich haben diese Unternehmen auch eigene Interessen, deshalb gehen wir nicht davon aus, dass wissenschaftliche Erkenntnisse automatisch umgesetzt werden.

ATHENE: Gibt es denn alternative Lösungen, die Nutzende plattformunabhängig einsetzen könnten?

Katrin Hartwig: Grundsätzlich ja. Denkbar sind beispielsweise Browser-Erweiterungen oder Smartphone-Apps. Wir haben bereits einen einfachen Demonstrator entwickelt: Nutzer konnten ein TikTok-Video an eine App weiterleiten und erhielten dort eine Einschätzung zur Vertrauenswürdigkeit des Inhalts.

ATHENE: Woran forscht ihr als Nächstes?

Katrin Hartwig: Bislang haben wir viel mit Jugendlichen gearbeitet. Künftig möchten wir stärker ältere Menschen in den Blick nehmen, diese gelten als besonders anfällig für Desinformation, beispielsweise auf Facebook. Hier sehen wir einen wichtigen Forschungsschwerpunkt für die kommenden Jahre.

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